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Inklusion ist kein politisches Experiment

Wenn politische Parteien Inklusion als „Experiment“ bezeichnen, das beendet werden müsse, werden gesellschaftliche Grundsatzfragen berührt. Denn die Debatte um inklusive Bildung betrifft nicht nur Schulpolitik. Sie stellt die Frage, wie Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam aufwachsen können und welche Verantwortung Gesellschaft und Bildungssystem dabei tragen.
Anlässlich der aktuellen Diskussionen rund um Inklusion war Prof. Dr. Volker Mall im WDR-Podcast „Politikum – Der Meinungspodcast“ zu Gast. Im Mittelpunkt standen Debatten über Förderschulen, Teilhabe, Leistungsfähigkeit und die Zukunft inklusiver Bildung in Deutschland.
Für Prof. Dr. Mall greifen viele dieser Gegenüberstellungen zu kurz. Der Kinder- und Jugendarzt sowie Experte für Sozialpädiatrie und kindliche Entwicklung beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen von Teilhabe, Entwicklungsförderung und Unterstützungssystemen für Kinder und Familien. Seine Perspektive verbindet
medizinische, pädagogische und gesellschaftliche Aspekte der Inklusion.
Seine zentrale Botschaft: Inklusion ist kein beliebiges politisches Projekt, sondern ein menschenrechtlicher Anspruch und gleichzeitig eine gesellschaftliche Aufgabe, die tragfähige Strukturen braucht.

Inklusion als Menschenrecht
Deutschland hat mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die 2009 in Deutschland in Kraft trat, die Verpflichtung übernommen, ein inklusives Bildungssystem zu gewährleisten. Artikel 24 der UN-BRK betont das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung ohne Diskriminierung und auf Grundlage der Chancengleichheit. Ziel ist unter anderem, Menschen mit Behinderungen „zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen“ (UN-BRK, Art. 24 Abs. 1 c).
Inklusion ist damit keine freiwillige pädagogische Zusatzleistung, sondern Teil eines verbindlichen menschenrechtlichen Rahmens.

Faktencheck: Was Inklusion wirklich bedeutet
Behauptung 1: „Inklusion ist ein Experiment“
Inklusion ist kein kurzfristiges politisches Reformprojekt, sondern ein menschenrechtlicher Anspruch. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtete sich Deutschland dazu, Barrieren abzubauen und Teilhabe im
Bildungssystem zu stärken (Bundestag, 2008).
Prof. Dr. Mall betont in diesem Zusammenhang, dass Inklusion kein parteipolitisches Programm sei, sondern ein grundlegendes Recht auf gesellschaftliche Teilhabe.

Behauptung 2: „Kinder mit Beeinträchtigung bremsen andere Kinder aus“

Prof. Dr. Mall verweist im WDR- Podcast darauf, dass Studien zeigen, dass heterogene Lerngruppen soziale Kompetenzen wie Kommunikation, Kooperation, Empathie und Konfliktfähigkeit fördern können.
Auch Prof. Dr. Mall beschreibt soziale Interaktion als einen „optimalen Motor“ kindlicher Entwicklung. Kinder lernen nicht ausschließlich über Unterrichtsinhalte, sondern auch durch Begegnung, Perspektivwechsel und gemeinsames Problemlösen.
Kinder mit Beeinträchtigung sind dabei nicht nur Teil inklusiver Bildung, sondern können Lern- und Gemeinschaftsprozesse aktiv bereichern.

Behauptung 3: „Leistung und Inklusion schließen sich aus“
Leistungsgedanken isoliert zu betrachten, greift zu kurz. Bildung bedeutet nicht nur fachliche Wissensvermittlung, sondern auch soziales Lernen, Persönlichkeitsentwicklung und die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Perspektiven
umzugehen.
Prof. Dr. Mall betont, dass soziale Interaktion eine zentrale Rolle für kindliche Entwicklung spielt. Auch kognitive Entwicklung ist eng mit sozialer Erfahrung, Kommunikation und gemeinsamer Problemlösung verbunden.
Je vielfältiger soziale Begegnungen sind, desto stärker können Kinder lernen, sich auf unterschiedliche Denkweisen, Bedürfnisse und Kommunikationsformen einzustellen. Heterogene Lerngruppen bieten damit nicht nur soziale, sondern auch kognitive Entwicklungsräume.
Aus einer inklusiven Perspektive werden Kinder mit Beeinträchtigung nicht als Belastung verstanden, sondern als selbstverständlicher und bereichernder Teil gesellschaftlicher Vielfalt.

Blick nach Europa: Was Deutschland von Norwegen noch lernen kann
Eine vergleichende Studie zu Einstellungen von Kindern und Jugendlichen gegenüber inklusiver Unterrichtspraxis in Deutschland und Norwegen zeigt, dass Schüler*innen in Norwegen Inklusion insgesamt positiver bewerten als Schülerinnen in Deutschland (Lassmann et al., 2020).
Als mögliche Erklärung nennen die Autor*innen die längere Integrations- und Inklusionserfahrung Norwegens. Deutschland befinde sich dagegen vielerorts noch in einem „Umbruch“, in dem Erfahrungen mit heterogenen Lerngruppen erst aufgebaut werden müssten.
Die Studie macht außerdem deutlich, dass Einstellungen zu Inklusion nicht isoliert entstehen. Entscheidend seien unter anderem:

  • schulische Rahmenbedingungen,
  • politische Unterstützung,
  • Fortbildungen,
  • persönliche Erfahrungen,
  • sowie die Haltung von Eltern und Lehrkräften (Lassmann et al., 2021).

Internationale Vergleiche können dabei helfen, funktionierende Konzepte besser zu verstehen und auf das deutsche Bildungssystem anzupassen.
Auch Prof. Dr. Mall verweist darauf, dass systemisch gedachte Modelle etwa in skandinavischen Ländern funktionieren können, wenn sie konsequent umgesetzt und langfristig unterstützt werden.

Warum Inklusion trotzdem oft schwierig bleibt
Gleichzeitig macht Prof. Dr. Mall deutlich, dass Inklusion nicht allein durch politische Forderungen oder gesellschaftliche Haltung gelingt. Viele Schulen erleben Personalmangel, fehlende Ressourcen und unzureichende Unterstützungssysteme.
Besonders sichtbar wird diese Diskussion aktuell bei der Schulbegleitung. Dabei wird zunehmend über sogenannte „Pooling-Modelle“ diskutiert – also über Unterstützungssysteme, bei denen Fach- und Assistenzkräfte mehrere Kinder
innerhalb eines Klassenkontextes begleiten statt ausschließlich einzelner Kinder im klassischen 1:1-Modell.
Für Mall greift es zu kurz, solche Modelle grundsätzlich abzulehnen. Gleichzeitig warnt er davor, Pooling als reines Sparmodell zu verstehen. Entscheidend sei nicht die Struktur allein, sondern die Qualität der Umsetzung.
Im Kern gehe es um den Wechsel von isolierten Einzellösungen hin zu multiprofessionellen Teams im Klassenkontext – pädagogisch, therapeutisch und sozialpädagogisch verzahnt.
Inklusion funktioniere dort, wo tragfähige Systeme entstehen:

  • stabile Unterstützung,
  • multiprofessionelle Zusammenarbeit,
  • ausreichende Ressourcen
  • und langfristige Strukturen.

„Ich möchte die Wahl haben“
In der öffentlichen Debatte wird Inklusion häufig als Gegensatz zur Förderschule dargestellt. Prof. Dr. Mall argumentiert differenzierter.
Aus seiner Erfahrung in der kinderärztlich-sozialpädiatrischen Versorgung erleben viele Familien Fördereinrichtungen als hilfreich und entlastend. Gleichzeitig bleibt die Weiterentwicklung inklusiver Strukturen ein zentrales gesellschaftliches Ziel.
Entscheidend sei deshalb nicht ein ideologisches „Entweder-oder“, sondern die Möglichkeit, Bildungswege zu wählen, die den individuellen Bedürfnissen eines Kindes bestmöglich entsprechen.

Fazit
Die Debatte um Inklusion ist letztlich mehr als eine Diskussion über Schulformen. Sie berührt grundlegende Fragen von Teilhabe, Gleichberechtigung und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Viele aktuelle Herausforderungen liegen weniger im menschenrechtlichen Anspruch der Inklusion selbst als in ihrer konkreten Umsetzung: fehlende Ressourcen, Personalmangel und unzureichend verankerte Unterstützungssysteme.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Inklusion beendet werden sollte.
Sondern wie Bildungssysteme gestaltet werden müssen, damit Teilhabe für alle Kinder tatsächlich möglich wird.

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Wenn politische Parteien Inklusion als „Experiment“ bezeichnen, das beendet werden müsse, werden gesellschaftliche Grundsatzfragen berührt. Denn die Debatte um inklusive Bildung betrifft nicht nur Schulpolitik. Sie stellt die Frage, wie Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam aufwachsen können und welche Verantwortung Gesellschaft und Bildungssystem dabei tragen.
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